|
Der unverwechselbare, individuelle Mensch stirbt aus, wenn es ihn je
wirklich gegeben hat. Jeder und jede ist insofern austauschbar, als
dass seine Lohnarbeit - sofern er noch eine hat - und seine
sozialen Funktionen jederzeit vom Nächstbesten übernommen werden
könnten. Die Einzelnen leben unter dem Eindruck einer prinzipiellen
Überflüssigkeit und Abhängigkeit vom unberechenbaren Gott dieser Welt,
dem Kapital, und seinem herrschsüchtigen Propheten, dem Staat. Die
Menschen verbeugen sich - unabhängig von ihrem jeweiligen Glauben -
regelmäßig vor den Geldautomaten, der wahren Qibla (2), und kämpfen in einem
Heiligen Krieg aller gegen alle, in einem
trostlosen Wettbewerb um Arbeitsplätze, Ausbildungsstellen,
Beförderungen usw. Da sie wissen, dass sie in diesem Kampf allein nicht
auf Dauer bestehen können, rotten sie sich, meistens ihren jeweiligen
Traditionen folgend, zu Familien, Klans, Stämmen, Nationen,
Religionsgemeinschaften zusammen, zu irgendeiner Art von „Wir“, das sie
vor der Erfahrung der Ohnmacht schützen soll.
Doch der Preis für dieses schützende „Wir“ kann sehr hoch sein: Es
lässt sich zunehmend beobachten, dass so manches „Wir“ - hier sei vor
allem die islamische Identität genannt - die totale Unterwerfung des
„Ich“ verlangt, und es gibt nicht wenige „Ichs“, denen es zur Lust
geworden ist, sich selbst durchzustreichen und die sogar in der
Unterwerfung (arab. islām),
von (Selbst-)zerstörungswut angetrieben, mehr oder weniger bewusst den
erlösenden Tod suchen, nach dem sie sich sehnen. Die Gemeinschaft, von
der man sich Anerkennung und Respekt erhofft, verlangt dafür Anpassung
und Gehorsam. Die Ehre, die man für sein Rückgrat hält, erniedrigt und
verkrüppelt einen erst recht, weil man dafür als Individuum die Würde
opfert.
Unter den zahlreichen Zusammenrottungen von Einsamen ist jene mit der
Selbstbezeichnung „Türke“ eines der erbärmlichsten, bedauernswertesten,
aber deshalb nicht weniger gefährlichen Identitätsangebote - dies gilt
insbesondere bei Menschen, die sich in Österreich aufhalten. Sich als
„Türke“ zu definieren bedeutet aktuell unglücklich, unmündig und auch
noch stolz darauf zu sein und zumindest seit der Gründung der
Türkischen Republik 1923 schließt es immer auch die Feindschaft gegen
„ausländische Mächte“ (mal Griechenland, mal Russland, mal der ganze
Westen), „innere Feinde“ (wie Aziz Nesin, Hrant Dink, oder die Ergenekon-Verschwörer) und seit
längerem schon zunehmend „Ungläubige“, das heißt Christen und Juden,
ein.
Der Film „Tal der Wölfe: Palästina“, der ab heute gezeigt wird, dem Tag
des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, stellt einen
konsequenten Tiefpunkt dieses türkischen Elends dar. Der
Besuch des Kinos durch zahlreiche junge Menschen mit
„Migrationshintergrund“, die die Heimat ihrer Vorfahren mit einem
Fußballverein verwechseln, dem man begeistert durch dick und dünn,
durch dumm und dümmer zu folgen hat, fügt dieses Kinoereignis perfekt
ins österreichische Elend ein. Denn der extreme Antisemitismus des
Films, der auf einen Aufruf zur „Rache an den Zionisten“, also zum
Judenmord, hinausläuft, wäre so niemals in einem österreichischen Film
möglich gewesen. Die „Türken“ aber sind für die Verantwortlichen eine
minderwertige Kundschaft, die weder die Intervention der
Jugendmedienkommission noch die Anwendung des Verhetzungsparagraphen
wert ist. Und nicht wenige Österreicher freuen sich, dass andere
hinausbrüllen, was man hierzulande heute meist nur andeutet: „Die Juden
sind unser Unglück.“ In österreichischen Betrieben sind die „Türken“
traditionell fürs Grobe zuständig, warum sollen sie also nicht auch in
der öffentlichen Debatte die Drecksarbeit übernehmen? So erklärt sich,
dass z.B. Claus Philipp im Standard
den Vorgängerfilm „Tal der Wölfe: Irak“ zwar für einen „extrem
dümmlichen, um nicht zu sagen primitiven Detonations-Schinken“, aber
keineswegs für verhetzend hielt. Wer also als „Türke“ den neuen Film
feiert, bei jeder Mordszene aufspringt und Allahü ekber schreit, wie beim
ebenfalls antisemitischen Vorgängerfilm in vielen Kinos geschehen,
spielt genau die
Pitbull-Rolle, die ihm islamische Hetzer und antirassistische
Israelkritiker zugedacht haben.
„Tal der Wölfe“ bringt die Propaganda für die angestrebte Politik des
Ministerpräsidenten Erdoğan und seines Außenministers Davutoğlu auf das
Niveau der türkischen Untertanen. In den Racheorgien des Filmhelden
Polat Alemdar durchläuft die Republik Atatürks ihre letzte Verwandlung,
bevor sie zu einem islamischen Gefängnis wird. Wie der Nachbar Iran,
mit dem sich die neue Türkei prächtig versteht, wird man keine andere
Krisenlösung mehr kennen, als die Hetze gegen den Westen und vor allem
gegen die „zionistischen Agenten“ des Staates der Juden, Israel.
Während die Massen durch inszenierte antiisraelische Sensationen wie
die Mavi Marmara in Stimmung
gebracht werden, verschwinden in Ankara und anderswo die letzten
kemalistischen Widerstände, die Armeeführung wird ausgetauscht und die
Staatsanwaltschaften werden mit Erdoğans Freunden besetzt.
Der Hass auf die Juden und ihren Staat ist nicht nur ein
Manipulationsmittel um den ewigen Konflikt mit Kurden und Aleviten
durch die Verlagerung auf einen gemeinsamen Feind ruhigzustellen. Und
es geht auch um mehr als Erdoğans Ehrgeiz, sich in der Region als
neo-osmanischer Beschützer der Muslime (Şeyh-ül İslam) anzubieten und eine
„gelenkte Demokratie“ zu etablieren: Der Antisemitismus alla turca ist ein wahnhafter, von
den unmündigen Massen getragener Drang zu
Verfolgung und Vernichtung. Er war, wie die Armenier-Massaker beweisen,
als Impuls schon im alten Kemalismus enthalten und macht sich sowohl
bei Linken als auch bei Rechten, Islamisten und Nationalisten in
Gestalt absurder Verschwörungstheorien sowie peinlicher,
todessehnsüchtiger und stets racheheischender Märtyrerverehrung
bemerkbar. Alle Strömungen der Türkei scheinen, dem Gesetz der
Schwerkraft folgend, tatsächlich in einem tiefen ideologischen Tal
zusammenzulaufen, in dem die barbarischen Wölfe heulen. Und die in
Österreich mitheulenden und -jaulenden Narren, die, anstatt sich einen
anständigen amerikanischen Film oder einen Klassiker von Kemal Sunal
anzusehen, aus einem Kinosaal eine miefige Wolfsschanze machen, drücken
ihren Wunsch aus, sich unter der Führung des nächstbesten Alpharüden zu
einer unmenschlichen Meute zusammenzurotten.
Der Grund für diese Intervention ist die Solidarität mit Israel, mit
dem einen Staat also, der gegründet wurde, um die Verfolgung und
Vernichtung der Juden praktisch - und das kann angesichts der Lage nur
heißen: bewaffnet - zu verhindern. Es ist notwendig, die Feinde
Israels, ob sie in Gestalt offen antisemitischer Wolfsrudel oder im
Namen der "kritischen Freundschaft" auftreten, als die Totengräber
jeder Hoffnung auf Glück und auf „Verschiedenheit ohne Angst“ zu
entlarven und sich ihnen in den Weg zu stellen.
Lang lebe Israel! İsrail
bin yaşasın!
(27. Januar 2011)
Türkisch | Als
pdf-Dokument öffnen
Anmerkungen:
(1) Wie unglücklich ist, wer sagt: Ich bin Türke
(2) islam. Gebetsrichtung nach Mekka
Diese Flugschrift ist
eine abgewandelte Version von jener der Georg-Weerth-Gesellschaft
Köln. |