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Besonders schwer hat man
es nicht als Linker in Österreich. Wo Sozialdemokraten eine Koalition
mit der FPÖ in Erwägung ziehen und einen Nazi zum
Nationalratspräsidenten wählen, können sich selbst jene problemlos als
Linksradikale ausgeben, die die Forderung nach dem ideologischen
Anschluss an die Berliner Republik lediglich um die notorischen
Rechtschreibfehler autoritärer Schmalspurfeministen ergänzen. Und weil
es hierzulande ohnehin undenkbar ist, irgendeinen Jahrestag ohne
entsprechende Feierlichkeiten vergehen zu lassen, steuert auch die
Österreichische Hochschülerschaft ihr eigenes Gedenkspektakel bei, bei
dem die anwesenden Besinnungsgenossen moralisierenden Reden lauschen
und sich im dazu gehörigen gemeinsamen Tränenvergießen üben werden, um
eines auf gar keinen Fall zu tun: über diejenigen zu reden, deren
erklärtes Ziel noch immer die Vernichtung der Juden ist. Obwohl vor
nicht einmal zwei Wochen in ganz Europa antisemitische Aufmärsche in
seit der Kapitulation der Deutschen selten erreichter Größe hautnah
mitzuerleben waren, fällt einem Bündnis, das ausgerechnet in Wien zu
einer „Befreiungskundgebung“* aufruft, nicht ein, dazu auch nur ein
Sterbenswörtchen der Kritik verlauten zu lassen.
Und das nicht ohne
Grund: Denn es geht den Organisatoren der Kundgebung nicht darum, eine
mögliche Wiederholung der Shoa zu verhindern, sondern um einen Tag, „an
dem mensch sich auf den Holocaust besinnt“. Wo die Besinnung an die
Stelle des Begreifenwollens tritt (auch wenn letzteres angesichts der
Shoa notwendig scheitern muss), da steht nicht der kategorische
Imperativ, alles zu tun, um eine neue Form von Auschwitz zu verhindern,
sondern die Gesinnung im Vordergrund. Man versammelt sich, um „eine
breit getragene Gedenk- und Erinnerungskultur“ zu etablieren (der
Startschuss für dieses Unternehmen fällt um 19.30 Uhr im
Erinnerungskulturverein w23), denn auch wenn „mensch [...] sich schwer
[tut] mit der Feststellung, Nachfolgegeneration einer
Täter_innen-Nation zu sein“, sollten „wir als Nachgeborene“ wissen: „Es
bedarf weiterer Gedenk- und Kritikmomente, die Teil des Alltags einer
Gesellschaft werden, deren stereotype Verfassung in mancherlei Hinsicht
dieselbe geblieben ist, seit Auschwitz befreit wurde.“ Die lustvolle
Identifizierung mit den Tätern, die im postnazistischen „Wir“ zum
Ausdruck kommt, verweist nicht nur darauf, dass man vom Kollektiv nicht
lassen kann, sondern auch darauf, dass man stolz ist,
„Nachfolgegeneration einer Täter_innen-Nation“ zu sein. Den Massenmord,
den die Österreicher und andere Deutsche verbrochen haben, mache ihnen
– so der Tenor des Aufruftextes – niemand so schnell nach. Deshalb habe
auch keiner das Recht, diese „ schlichte Tatsache“ mit „Vergleichen und
Gleichwertereien“ klein zu reden oder sie zu verschweigen. Im
Gegenteil: Lauthals soll die Nation sich zu Auschwitz bekennen und sich
regelmäßig auf dieses einzigartige und monströse Geschehen besinnen,
denn es ist ja fester Bestandteil ihrer Geschichte und Identität.
Anstatt dazu aufzurufen, mit der Nation zu brechen, geht es den
Veranstaltern darum, diese von ihrem schlechten Ruf zu befreien und sie
antifaschistisch zu erneuern. Die „Aneignung der Vergangenheit“, die
hier forciert wird, zielt darauf ab, den postnazistischen Alltag,
dessen Fundament in jeder Hinsicht der Nationalsozialismus ist, durch
die Etablierung einer konsequenzlosen Gedenkroutine nach
bundesdeutschem Vorbild zu modernisieren und damit aufrecht zu erhalten.
Zu den Judenmördern in
Gaza, Teheran und Damaskus hat man dagegen nichts zu sagen. Unabhängig
davon, was die einzelnen Teilnehmer dieser Kundgebung denken oder
beabsichtigen mögen, lässt sich konstatieren, dass Veranstaltungen wie
diese zwar zu einer Normalisierung der österreichischen Verhältnisse
beitragen, dass die Normalität in Europa, zu der Österreich den
Anschluss finden soll, jedoch identisch ist mit einem antizionistischen
Konsens, der den Mördern unter die Arme greift, wo er nur kann.
*
Dieses und alle weiteren Zitate stammen aus der „Einladung zur
Befreiungskundgebung“ der Österreichischen Hochschülerschaft.
(27.
Jänner 2009)
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