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Die Gemeinschaft der Guten
Aufruf zur Solidarität mit Israel anlässlich einer „Befreiungskundgebung“ am 27. Jänner 2009

Besonders schwer hat man es nicht als Linker in Österreich. Wo Sozialdemokraten eine Koalition mit der FPÖ in Erwägung ziehen und einen Nazi zum Nationalratspräsidenten wählen, können sich selbst jene problemlos als Linksradikale ausgeben, die die Forderung nach dem ideologischen Anschluss an die Berliner Republik lediglich um die notorischen Rechtschreibfehler autoritärer Schmalspurfeministen ergänzen. Und weil es hierzulande ohnehin undenkbar ist, irgendeinen Jahrestag ohne entsprechende Feierlichkeiten vergehen zu lassen, steuert auch die Österreichische Hochschülerschaft ihr eigenes Gedenkspektakel bei, bei dem die anwesenden Besinnungsgenossen moralisierenden Reden lauschen und sich im dazu gehörigen gemeinsamen Tränenvergießen üben werden, um eines auf gar keinen Fall zu tun: über diejenigen zu reden, deren erklärtes Ziel noch immer die Vernichtung der Juden ist. Obwohl vor nicht einmal zwei Wochen in ganz Europa antisemitische Aufmärsche in seit der Kapitulation der Deutschen selten erreichter Größe hautnah mitzuerleben waren, fällt einem Bündnis, das ausgerechnet in Wien zu einer „Befreiungskundgebung“* aufruft, nicht ein, dazu auch nur ein Sterbenswörtchen der Kritik verlauten zu lassen.

Und das nicht ohne Grund: Denn es geht den Organisatoren der Kundgebung nicht darum, eine mögliche Wiederholung der Shoa zu verhindern, sondern um einen Tag, „an dem mensch sich auf den Holocaust besinnt“. Wo die Besinnung an die Stelle des Begreifenwollens tritt (auch wenn letzteres angesichts der Shoa notwendig scheitern muss), da steht nicht der kategorische Imperativ, alles zu tun, um eine neue Form von Auschwitz zu verhindern, sondern die Gesinnung im Vordergrund. Man versammelt sich, um „eine breit getragene Gedenk- und Erinnerungskultur“ zu etablieren (der Startschuss für dieses Unternehmen fällt um 19.30 Uhr im Erinnerungskulturverein w23), denn auch wenn „mensch [...] sich schwer [tut] mit der Feststellung, Nachfolgegeneration einer Täter_innen-Nation zu sein“, sollten „wir als Nachgeborene“ wissen: „Es bedarf weiterer Gedenk- und Kritikmomente, die Teil des Alltags einer Gesellschaft werden, deren stereotype Verfassung in mancherlei Hinsicht dieselbe geblieben ist, seit Auschwitz befreit wurde.“ Die lustvolle Identifizierung mit den Tätern, die im postnazistischen „Wir“ zum Ausdruck kommt, verweist nicht nur darauf, dass man vom Kollektiv nicht lassen kann, sondern auch darauf, dass man stolz ist, „Nachfolgegeneration einer Täter_innen-Nation“ zu sein. Den Massenmord, den die Österreicher und andere Deutsche verbrochen haben, mache ihnen – so der Tenor des Aufruftextes – niemand so schnell nach. Deshalb habe auch keiner das Recht, diese „ schlichte Tatsache“ mit „Vergleichen und Gleichwertereien“ klein zu reden oder sie zu verschweigen. Im Gegenteil: Lauthals soll die Nation sich zu Auschwitz bekennen und sich regelmäßig auf dieses einzigartige und monströse Geschehen besinnen, denn es ist ja fester Bestandteil ihrer Geschichte und Identität. Anstatt dazu aufzurufen, mit der Nation zu brechen, geht es den Veranstaltern darum, diese von ihrem schlechten Ruf zu befreien und sie antifaschistisch zu erneuern. Die „Aneignung der Vergangenheit“, die hier forciert wird, zielt darauf ab, den postnazistischen Alltag, dessen Fundament in jeder Hinsicht der Nationalsozialismus ist, durch die Etablierung einer konsequenzlosen Gedenkroutine nach bundesdeutschem Vorbild zu modernisieren und damit aufrecht zu erhalten.

Zu den Judenmördern in Gaza, Teheran und Damaskus hat man dagegen nichts zu sagen. Unabhängig davon, was die einzelnen Teilnehmer dieser Kundgebung denken oder beabsichtigen mögen, lässt sich konstatieren, dass Veranstaltungen wie diese zwar zu einer Normalisierung der österreichischen Verhältnisse beitragen, dass die Normalität in Europa, zu der Österreich den Anschluss finden soll, jedoch identisch ist mit einem antizionistischen Konsens, der den Mördern unter die Arme greift, wo er nur kann.

* Dieses und alle weiteren Zitate stammen aus der „Einladung zur Befreiungskundgebung“ der Österreichischen Hochschülerschaft.

(27. Jänner 2009)

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